Magdeburg/Wernigerode l Vor allem die Harzwälder erwischte es dieses Mal heftig. Auf der Straße zwischen Drei Annen Hohne und Schierke liegt Baum an Baum. Zum Teil sind es drei übereinander. In einigen Waldstücken hat der Orkan alles flachgelegt und bis zum 300 Meter breite Schneisen geschnitten. Der Wald gleicht einem Schlachtfeld. Die Fichten hatten im durchweichten Boden wenig Halt und kippten im Orkan wie Streichhölzer. „Zwar liegt Schnee, doch es ist wenig Frost in der Erde, der das Wurzelwerk hätte halten können“, erklärt Nationalpark-Chef Andreas Pusch.

Bernd Dost, der Chef des Landesforstbetriebs, ist am Freitagmorgen die Region abgeflogen. „Den Harz hat es extrem heftig getroffen“, erklärt der 59-Jährige. Ausgehend vom Brocken seien in Richtung Tanne, Rappbodetalsperre und Rübeland sowie in Ausläufern bis Thale, Alexisbad und Harzgerode sowie in den Südharz hinein riesige Flächen gefallen. „Da muss es besondere Windhosen mit Bodenkontakt gegeben haben“, vermutet der Forstexperte. „Das sind Extreme, die ich so noch nicht gesehen habe“, sagt Dietmar Specht, Chef des Landeszentrums Wald in Halberstadt. Dort werden private und kommunale Waldbesitzer betreut.

Grob geschätzt geht Bernd Dost von bis zu 350.000 Festmetern aus, die allein im Harz zu Bruch gingen. „Das ist in etwa das was wir dort sonst pro Jahr schlagen.“ Während der Orkan „Kyrill“ , der auf den Tag genau vor elf Jahren über Mitteldeutschland hinweg gezogen war, den Harz eher verschont hatte, habe „Friederike“ hier nun besonders gewütet.

Bilder

Loipen bleiben gesperrt

„Dass insbesondere Fichten fielen und der Anteil bei Laubbäumen bei unter zehn Prozent liegt, bestärkt uns darin, beim Umbau zum Mischwald weiter Tempo zu machen“, zieht der Forstfachmann ein erstes Fazit. Nun gehe es darum, Wege und Straßen freizuräumen und Gefahrenpunkte wie angekippte Bäume rasch umzulegen.

Auf dem Brocken selbst erreichte der Orkan bis zu 205 Kilometer pro Stunde. In der Kernzone des Nationalparks, im Urwald, halten sich die Schäden nach ersten Erkenntnissen in Grenzen, weil die Bäume klein und sturmerprobt sind. In den unteren Lagen aber sieht es katastrophal aus. In den nächsten Tagen sollen Wege und Loipen geräumt werden. An diesem Wochenende bleibt allerdings alles gesperrt. Skilangläufer müssen zu Hause bleiben. „Es ist zu gefährlich, da etliche Bäume und Äste angeknackst sind“, warnt Nationalpark-Chef Pusch. Letztlich, betont Bernd Dost, bestehe in den Wäldern im Moment überall akute Lebensgefahr.

Geöffnet ist die neue Feuerstein-Eislauf-Arena in Schierke. Die Harzer Schmalspurbahn soll ab Sonnabend möglichst wieder fahren. Bis zum späten Freitagabend kreischten die Motorsägen, Arbeiter räumten Stämme von den Gleisen. Gleichwohl ist mit Einschränkungen zu rechnen. Der Brocken dürfte am Wochenende wohl unerreichbar bleiben, dort gibt es teilweise vier Meter hohe Schneeverwehungen. Obendrein müssen Autofahrer in Teilen des Harzes weiter mit gesperrten Straßen rechnen.

Der Januar-Sturm war für Sachsen-Anhalt bereits der vierte Orkan im vergangenen halben Jahr. 2017 fegten „Paul“ (Juni) sowie „Xaver“ und „Herwart“ (Oktober) bereits Tausende Bäume um. Eine Million Kubikmeter gingen zu Bruch. Fünfmal mehr als im zuletzt windreichen Jahr 2015. Förster können sich nicht erinnern, dass je so viele schwere Stürme in so kurzer Zeit hintereinander übers Land jagten.

Neue Sturm-Ära?

Wetterkundler erklären die auffällige Häufung mit einer äußerst ausgeprägten Westwetterlage. Dabei ziehen immer wieder kräftige Tiefs vom Nordatlantik in Richtung Mitteleuropa. Bei hohen Temperaturunterschieden entwickeln sich schnell Sturmtiefs. „Dies war auch Anfang der 90er Jahre der Fall“, sagt Christian Herold vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach (DWD). Ab 2000 ging die Zahl der Westwetterlagen und Stürme zurück. Nun steigt sie wieder an. „Ob sich dieser Trend fortsetzen wird, ist noch ungewiss“, so Herold.

Der Windbruch des vergangenen Jahres ist noch nicht weggeräumt, nun kommen immense Holzmengen hinzu. „Das Orkantief hat in wenigen Stunden das zunichte gemacht, was in den vergangenen Monaten abgearbeitet worden ist – nun beginnen wir wieder von vorn“, sagt Revierförster Jens Strebe vom Kommunalwald Hohes Holz bei Oschersleben in der Börde. Gut 60.000 Festmeter Holz hat der Orkan in seinem Wald zu Boden geworfen.

Eile ist geboten, denn sobald es warm wird, kommen Schädlinge. „Die umgeknickten Bäume sind noch nicht ganz tot, ihre Abwehrkräfte aber enorm geschwächt“, erklärt Nationalparkchef Pusch. Ein ideales Revier für den Borkenkäfer. In der Kernzone des Nationalparks Harz lasse man die Käfer gewähren und der Natur freien Lauf. An den Rändern und im Wirtschaftswald aber nicht. Daher sind die Harvester, die hochmodernen Baum-Erntemaschinen, im Dauereinsatz. Bernd Dost bringt auch Nasslagerplätze ins Gespräch. Dort werde zwischengelagertes Holz permanent gewässert, sodass es frisch und Borkenkäfer fern bleiben.

Tote und Verletzte

Auch in anderen Regionen knickten Bäume um, flogen Dächer weg. In Benndorf (Mansfeld-Südharz) stürzte ein Mann vom Dach eines Hauses acht Meter in die Tiefe. Ein 34-Jähriger wurde im Burgenlandkreis in Hohenmölsen von einem Baum getroffen. Beide Männer erlagen ihren Verletzungen. Nach Angaben des Innenministeriums wurden weitere 13 Menschen verletzt.

Die Grundschule Freiherr von Spiegel in Halberstadt wurde am Dach so schwer beschädigt, dass an Unterricht frühestens ab nächsten Donnerstag zu denken ist. Betroffen sind 220 Schüler, die an drei anderen Schulen unterrichtet werden. Magdeburg zählt etwa 50 umgeknickte Bäume auf seinen städtischen Friedhöfen. Zu einem Crash anderer Art kam es am Sturmtag in Magdeburg: Ein ausgerücktes Feuerwehrauto fuhr bei Rot langsam über eine Kreuzung – und stieß mit einem Auto zusammen. Verletzt wurde niemand. Schaden: 25.000 Euro.

Manche verloren beim Sturm auch die Nerven. Als ein Regionalzug von Magdeburg nach Halberstadt seine Fahrt in Blumenberg (Börde) außerplanmäßig beendete, rastete ein Reisender aus. Er trat eine Glastür ein und beschimpfte die Schaffnerin. Die Polizei schritt ein und ermittelt nun.