Bernburg/Derenburg l "Ich bin ein typischer Ostrock- und Beat-Fan", sagt Burkhard Laurich aus Derenburg über sich selbst. Doch der 63-Jährige hört nicht nur gern Musik, ihn hat die Sammelleidenschaft gepackt. „In der Lehre 1970 ging es los“, erinnert er sich. Schon damals hat er versucht, alles mögliche zu bekommen, was zu bekommen war. Die Objekte seiner Begierde: Schallplatten von Amiga. Mit Freunden gründete er damals sogar einen Jugendclub in seinem Heimatort Golzow, wo er mit seinem Bruder Eckhard die Scheiben auflegte.

„Wir haben unsere Einstufung gemacht. Natürlich nach der Vorgabe 60 zu 40. Ich war für die 60 zuständig“, sagte er lachend. ,„Sagen meine Tanten“ von Scirocco haben wir manchmal dreimal am Abend gespielt“, erinnert sich Burkhard Laurich an diese wilde Zeit, in der die DDR-Beat- und Rockmusik die Jugend begeisterte. Eine Zeit, in der die Puhdys genauso bekannt waren wie die Rolling Stones, Chris Doerk und Frank Schöbel als musikalisches Traumpaar galten, so wie im Westen Cindy und Bert.

Westplatten in Lizenz

Doch deren Lieder gab es zunächst nur auf schwarzen runden Scheiben. Und die nicht weniger begehrte Musik aus dem Westen, die Amiga in Lizenz verlegte, wegen der geringen Auflagen oft nur mit Beziehungen. „Deshalb habe ich kräftig gesammelt“, sagt Burkhard Laurich, der wegen Lehre, Armeezeit und Beruf quer durch die Republik zog und sich noch wie heute an die Plattenläden von Chemnitz, Annaberg-Buchholz und Eberswalde erinnert. Selbst von einem Besuch in einer russischen Kaserne kam er nicht ohne Platte heim: „Es war eine Scheibe des Labels Melodia von den Beatles“, weiß Burkhard Laurich. Und das sogar mit Widmung! „Allerdings“, so fügt er etwas enttäuscht an, „nicht von den Beatles, sondern von der Dolmetscherin.“

Bis zur Wende trug Laurich rund 800 Amiga-Schallplatten zusammen. „1996 hab ich dann im Radio gehört, dass ein Sammler 10 000 Platten hat. Und weil damals die Ost-Musik im Radio so gut wie nicht mehr gespielt wurde, ging es wieder los.“ Er besuchte An- und Verkaufs-Läden, Flohmärkte, Haushaltsauflösungen. „Inzwischen habe ich etwa 15 000 Schallplatten“, sagt der pensionierte Polizist, der sich mit seiner Gattin Sigrid im Harzstädtchen Derenburg niedergelassen hat. Dort fröhnen sie gemeinsam ihrer Sammelleidenschaft und haben eine riesige DDR-Ausstellung in einem Fachwerkhäuschen zusammengetragen, die sie gern und regelmäßig für Besucher öffnen.

Platten-Keller

Die runden Schätze in schwarzem Vinyl bewahrt Burkhard Laurich in seinem Platten-Keller auf. Für ihn zählen nicht die großen Namen des Rock und Pop, auch wenn er die wohl teuerste Amiga-Platte sein Eigen nennt: Die Scheibe von Bob Dylan aus dem Jahr 1967, die je nach Zustand für 400 bis 800 Euro angeboten wird. Seine ganz persönlichen Raritäten sind die „Kleeblatt-“ und die „hallo-Serie“ mit Postern: „Die sind so gut. Da ist einfach alles drauf, was damals im Ostblock angesagt war“, weiß er.

Doch auch die LPs von Gerhard Gundermann, von den Punk-Bands Ende der 80er Jahre, die Scheibe „Klaus Lenz für Fans“, die von Manfred Krug mit der Modern Jazz Band oder die nicht veröffentlichte Single von Veronika Fischer und Band „Daß ich eine Schneeflocke wär“ haben es dem Sammler angetan, der auch mit kuriosen Platten aufwarten kann. So mit dem Album „Rockbilanz 1981“, das in zwei Auflagen bei Amiga erschien.

Gruppe Magdeburg

Auf der ersten findet sich noch das Lied „Vorsicht Glas“ der Gruppe Magdeburg. „Weil die Bandmitglieder aber komplett einen Ausreiseantrag gestellt hatten und ihnen die Lizenz entzogen wurde, wurden sie in der zweiten Auflage einfach durch ein Lied der Stern Combo Meißen ersetzt“, berichtet Burkhard Laurich. Ein weiteres Phänomen ist die für den Rundfunk der DDR produzierte dritte Platte der Gruppe Kreis „Rocktopus“: „Die ist exklusiv nur im Westen erschienen.“

Wenn Laurich seinen dicken Amiga-Katalog durchblättert, stößt er nur noch selten auf Platten, die er nicht hat. „Ich sammle ja nicht auf Teufel komm’ raus“, sagt er. Obwohl es ihn doch schon etwas wurmt, dass ihm die ein oder andere noch fehlt. „Mein großer Traum ist die Big Beat II von 1965“, gesteht er. „Das ist ein Sampler mit sehr interessanten Bands.“ Zu hören sind darauf unter anderem die Theo-Schumann-Combo, Die Butlers (die Vorgänger von Renft), Die Sputniks, Olympic Big Beat und einige andere. „Das ist wirklich vertontes Kulturgut der DDR.“ Die Scheiben hätten damals die Dorfklicken, die Jugend zusammengebracht, um gemeinsam Musik zu hören, zu tanzen. „Und da ging’s richtig ab. Und Amiga gehörte dazu“, so Burkhard Laurich.

Sonderausstellung

Das bestätigt auch Torsten Sielmon, der in den vergangenen Monaten auf Recherche- und Sammeltour gegangen ist. Er hat sich dem Thema Amiga aus einem anderen Grund intensiv gewidmet. Aus Anlass des 70-jährigen Gründungstages des Schallplatten-Labels hat der Kulturmanager eine Sonderausstellung organisiert, die ab 14. Oktober im Schloss Bernburg zu sehen sein wird. „Wie eine musikalische Zeitreise führt sie durch die deutsche Schallplattengeschichte. Von der Erfindung der Schallplatte vor genau 130 Jahren und der Herausgabe der ersten Amiga-Schallplatte vor 70 Jahren über Jazz, Schlager, Beat, Punk, Rock, Pop, Liedermacher, volkstümliche Musik, Chansons, Folklore, Musik für Kinder sowie Klassik mit dem Label Eterna und Märchen unter dem Lable Litera“, erläutert er. Dabei tauchen die Besucher mit einem „Amiga-Hit-Zettel“ in die bunte Welt der Schallplatten ein – auf der Suche nach ihrem Hit.

„Der Streifzug durch die Amiga-Geschichte wird so zu einer Zeitreise durch die eigene Vergangenheit“, ist sich Torsten Sielmon sicher, der die Inhalte der Jubiläumsausstellung in enger Zusammenarbeit mit dem letzten Amiga-Chef Jörg Stempel entwickelt hat. Auf 70 Tafeln wird die Amiga-Geschichte erzählt. Darüber hinaus hat Sielmon auch einiges Kurioses und Vergessenes zusammengetragen. So konnte er mit Hilfe zahlreicher Musikerkollegen und Amiga-Größen mehrere Vitrinen mit besonderen Exponaten bestücken. Zu sehen sind Gitarren von Dirk Michaelis und Peter Maffay, der Showkoffer von Fred Frohberg, ein Kleid von Julia Axen, Auszeichnungen wie die Goldene Henne, Lederjacken von Heinz Rudolf Kunze, Anzüge von Frank Schöbel und vieles mehr.

Plattenspieler und Rekorder

„In einem extra hergerichteten Jugendzimmer können die Besucher beim Anblick von Plattenspieler, Kassettenrekorder, Zeitschriften und Postern in Erinnerungen schwelgen“, so der Kurator. Wie soll es anders sein, stammen einige dieser Stücke von Burkhard Laurich aus Derenburg. Diesmal aber keine Schallplatten, sondern Raritäten aus den 80er-Jahren: eine Flasche Asco-Cola, ein Hocker, ein Beistelltisch und ein original verpackter Sanyo-Walkman, auf dem sogar noch das Preisschild klebt: 990 Mark. Und zur Schau hat Heinz-Rudolf Kunze auch noch kurze Grüße „aus dem Westen“ geschickt: „Lieber Amiga als Amigos“.

Geöffnet ist die Ausstellung im Schloss Bernburg ab 14. Okober dienstags, mittwochs, donnerstags, samstags und sonntags von 10 bis 16 Uhr sowie freitags von 10 bis 13 Uhr.

Amiga

  • Am 18. März 1947 wurde im Handelsregister Berlin Charlottenburg unter der Nummer 1706/NZ die „Lied der Zeit Schallplattengesellschaft mbH“ eingetragen - gegründet vom Schauspieler und Sänger Ernst Busch. Das war die Geburtsstunde der Etiketten (später Label genannt) AMIGA und ETERNA.
  • 1954 wurde die GmbH verstaatlicht und in den VEB Deutsche Schallplatten umgewandelt. Amiga war neben Eterna und Litera das Label für alle Genres populärer Musik – von Jazz bis zum Schlager, vom politischen Lied bis zur Musik für Kinder, vom Chanson über Blasmusik und Folklore bis zu volkstümlicher Musik und Operette und stand natürlich für Rock und Pop - made in GDR.
  • Unter dem Titel „Mythos und Kult des ersten deutschen Schallplatten-Labels“ zeigt das Museum Schloss Bernburg vom 14. Oktober bis 28. Januar 2018 eine exklusive Sonderschau zum Jubiläum „70 Jahre Amiga“.