DürreLandwirte im Wendland graben der Altmark das Wasser ab

Landwirte in Niedersachsen beregnen immer mehr – trotz sinkender Grundwasserstände. Auch der Altmarkkreis Salzwedel spürt die möglicherweise schweren ökologischen Folgen.

Von Beate Achilles Aktualisiert: 23.10.2022, 10:46
Künstliche Feldberegnung eines Maisfeldes. Symbolfoto: dpa

Salzwedel/Lüchow-Dannenberg - Der Grundwasserspiegel in Teilen der nordwestlichen Altmark ist so tief wie nie. Und das liegt möglicherweise auch an den Nachbarn: Im niedersächsischen Landkreis Lüchow-Dannenberg haben die Landwirte ihre Kulturen offenbar reichlich bewässert, obwohl der Grundwasserpegel nicht nur unter ihren Feldern weiter absackt, sondern auch in der Altmark.

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Grundwasser schwindet: Leiterin der Unteren Wasserbehörde schlägt Alarm

Die Leiterin der Unteren Wasserbehörde (UWB) des Landkreises Lüchow-Dannenberg schlägt nun Alarm: Die Grundwasserleiter seien deutlich aus dem Gleichgewicht, schreibt Karin Bardowicks in einer Stellungnahme für den Kreistag in Lüchow-Dannenberg. „Seit Sommer 2018 ist die Grundwasserneubildung stark eingeschränkt“, und: „Die aktuell übermäßige Entnahme wird dazu führen, dass brauchbares Grundwasser nicht mehr dauerhaft zur Verfügung steht.“ Der Vorrat reiche schon jetzt nicht mehr aus, um alle Nutzer zu versorgen.

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Niedersachsen verbraucht Grundwasser: Grüne Äcker hinter der Landesgrenze

Die Resultate des sehr unterschiedlichen Umganges der beiden Landkreise mit dem gemeinsamen Grundwasser sehen viele Altmärker schon lange mit eigenen Augen: Wer in den vergangenen Jahren und sogar in diesem extrem heißen und trockenen Sommer aus dem Altmarkkrei Richtung Wendland fuhr, fand vor der Landesgrenze trockene Felder und gleich dahinter beregnete grüne Äcker.

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Grundwasserentnahme im Altmarkkreis stark eingeschränkt

Während der Altmarkkreis die Grundwasserentnahme stark eingeschränkt hatte, wurden in Lüchow-Dannenberg die bereits erteilten Genehmigungen für die Landwirte nicht zurückgenommen. Beregnungsanlagen im Wendland waren ununterbrochen im Einsatz. Von über 2 Millionen Kubikmetern in den vergangenen Jahren spricht Karin Bardowicks von der Unteren Wasserbehörde.

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Rekordernten dank Beregnung in Niedersachsen

Das Ergebnis für die Nachbarn kann sich sehen lassen: „Die Bauern haben 2022 in Lüchow-Dannenberg mit der Beregnung und den hohen Temperaturen Rekordernten eingefahren“, berichtet ein Landwirt aus dem Wendland, der namentlich nicht genannt werden möchte, gegenüber der Volksstimme.

Schlechte Erträge bei Bauern im Altmarkkreis

Ganz anders im Altmarkkreis, wo kaum beregnet wird. „Die Ernte war sehr schwierig, weil uns dieses Jahr wieder der Regen fehlte“, sagt Annegret Jacobs vom Bauernverband Altmarkkreis Salzwedel. „Der Mais, der sonst bis zu vier Meter hoch wächst, blieb bei 1,50 Meter stehen und hatte kaum einen Kolbenansatz.“ Auch bei Sonnenblumen und Grünland seien die Erträge sehr schlecht gewesen.

Gemeinsamer Grundwasserleiter bis südlich Arendsee

Und nun trägt die Altmark offenbar auch noch die ökologischen Folgen der übermäßigen Wasserentnahme der Nachbarn mit. Denn der Grundwasserkörper „Jeetzel Lockergestein rechts“ versorgt nicht nur das Wendland, sondern auch ein Gebiet im Norden des Kreises Salzwedel bis südlich des Arendsees.

Wasserstand im Arendsee möglicherweise beeinflusst

Der See speist sich nach Aussagen des Leibniz Instituts für Wasserökologie in Berlin übrigens ebenfalls mit von Süden kommendem Grundwasser aus dem Grundwasserleiter „Jeetzel Lockergestein rechts“. Das Landesamt für Geologie und Bergwesen Sachsen-Anhalt und Jörg Lewandowski vom Leibniz Institut bestätigen auf Nachfrage der Volksstimme übereinstimmend, dass dieser Grundwasserleiter eine Rolle für die Speisung des Arendsees spielen könnte – mit den entsprechenden Folgen. Der abgesunkene Grundwasserstand im Leiter „Jeetzel Lockergestein rechts“ könnte also nicht nur für die schlechten Ernten und abgestorbenen Bäume im Altmarkkreis neben der Dürre mitverantwortlich sein, sondern auch für den immer weiter sinkenden Pegel des Arendsees.

Landwirte in Lüchow-Dannenberg wollen noch mehr Wasser

Geht es nach den Wünschen der Landwirte im Wendland, dürfte der Spiegel des Arendsees 2023 sogar noch weiter sinken, ebenso wie das Grundwasser im Norden des Altmarkkreises. Denn Lüchow-Dannenbergs Landwirte haben bereits angemeldet, dass sie in den nächsten Jahren über 90 Prozent mehr Grundwasser benötigen als bisher.

Vorläufig keine weiteren Genehmigungen

Ob überhaupt und in welchem Umfang aus diesem bestimmten Grundwasserleiter noch beregnet werden darf, ist allerdings unklar: Die niedersächsische Landesregierung hat nämlich den Kreis Lüchow-Dannenberg gebeten, vorläufig keine weiteren Entnahmen zu genehmigen. Grundwasserexperte Gerald Nickel vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz begründet das mit einer „unklaren Dargebotssituation“ wegen geringer Grundwasserneubildung und hoher Entnahmen.

Illegale Wasserentnahmen verschärfen das Problem

Wenn der nächste Sommer wieder so trocken wird, könnte es also auch im Wendland vorbei sein mit den grünen Feldern und Rekordernten. Allerdings nur, wenn sich alle Landwirte daran halten. Zwar haben die meisten Beregnungsverbände im Nachbarlandkreis fest installierte Wasserzähler auf ihren Brunnen, die vom Kreisverband der Wasser- und Bodenverbände im Beisein der Unteren Wasserbehörde auch abgelesen werden, die Wasserzähler weiterer Einzellandwirte seien jedoch oft an Stellen, wo eine Kontrolle nicht vollständig möglich sei, kritisierte die Leiterin der Unteren Wasserbehörde in ihrem Bericht. Im vergangenen Jahr sei aufgrund von Personalmangel und Corona gar nicht kontrolliert worden. Außerdem gibt es im Wendland offenbar auch illegale Wasserentnahmen. Karin Bardowicks: „Bei 47 von insgesamt 60 im Jahr 2022 in Lüchow-Dannenberg aufgrund von Anzeigen überprüften Beregnungsanlagen besteht der Verdacht auf rechtswidrige Entnahme.“ Kontrolleure hätten Wasserentnahmen ohne Zähler, ohne wasserrechtliche Erlaubnis sowie Beregnung von Straßen und fehlende Kennzeichnung der Anlagen festgestellt.

Salzwedel/Lüchow-Dannenberg - Der Grundwasserspiegel in Teilen der nordwestlichen Altmark ist so tief wie nie. Und das liegt möglicherweise auch an den Nachbarn: Im niedersächsischen Landkreis Lüchow-Dannenberg haben die Landwirte ihre Kulturen offenbar reichlich bewässert, obwohl der Grundwasserpegel nicht nur unter ihren Feldern weiter absackt, sondern auch in der Altmark.

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