Salzwedel l Die Beamten des Salzwedeler Polizeireviers haben festgestellt, „dass die absolute Zahl der politisch motivierten Gewaltkriminalität von rechts etwas höher ist als die von links“, wie Revierleiter Sebastian Heutig auf Anfrage der Volksstimme mitteilt. Das leitet er aus der Kriminalitätsstatistik ab. Im Bereich der rechten Gewaltkriminalität haben sie dato vier Fälle aufgenommen. 2017 waren es im gleichen Zeitraum, also bis Ende September, ebenfalls vier; 2016 sechs.

Bei den linksmotivierten Gewalttaten waren es 2018 bislang zwei, und 2017 und 2016 bis Ende September jeweils eine. Um Gewalttaten zu verhindern, sei die sichtbare polizeiliche Präsenz an den Wochenenden im Stadtgebiet deutlich erhöht. „Dies wollen wir anlassbezogen weiter beibehalten“, so Heutig.

Kritik der Polizei

Kritik seitens der Polizei gibt es daran, dass rechtsradikale Übergriffe in den sozialen Netzwerken bekanntgemacht, aber bei der Polizei nicht angezeigt werden.

Mirko Wolff vom Verein Miteinander weiß, warum sich Betroffene gegen eine Anzeige entscheiden: „Das hat die unterschiedlichsten Gründe. Angst vor Rache oder den Wunsch, das Erlebte möglichst schnell hinter sich zu lassen kann ebenso eine Rolle spielen, wie mangelndes Vertrauen in die Ermittlungsbehörden.“ Aber auch die Furcht, den Tätern im Gerichtssaal zu begegnen, lässt sie möglicherweise vor einer Anzeige zurückschrecken.

Das dem Verein angeschlossene Projekt „Mobile Beratung für Opfer rechter Gewalt“ führt seit 2003 eine Statistik über rechts motivierte Gewalttaten, die in Sachsen-Anhalt verübt werden. „Wir recherchieren sorgfältig und nehmen nur Angriffe auf, die sich tatsächlich so ereignet haben,“ so eine Mitarbeiterin der Beratungsstelle. Für das aktuelle Jahr seien es dennoch schon 18 Fälle in Salzwedel, davon acht der Polizei bekannt. Zum Vergleich: Für das gesamte Jahr 2017 seien es elf Angriffe im Altmarkkreis gewesen.

Klima wird bedrohlicher

Derweil haben viele Salzwedeler Jugendlich das Gefühl, dass das Klima auf den Straßen der Hansestadt immer bedrohlicher wird. Das berichtet jedenfalls der Vater eines Teenagers, der nicht namentlich genannt werden möchte. „Viele vermeiden es mittlerweile, abends alleine auf die Straße zu gehen. Man spricht sich ab und trifft sich in Gruppen, um nicht zum Ziel zu werden“, sagt er im Gespräch mit der Volksstimme. Meist würden die Rechten mit dem Autor vorfahren und versuchen, ein Gespräch anzufangen, das dann schnell eskalieren würde.

Dies sei seit knapp einem Jahr der Fall. „Seit dem vergangenen Sommer hat es deutlich zugenommen“, berichtet er. Das Perfide daran: Prinzipiell könne es fast jeden treffen, der in der Stadt unterwegs ist. Denn für gezielten Attacken würden die Opfer auch völlig willkürlich ausgesucht werden. Aber natürlich sei die Wahrscheinlichkeit höher, auf dem Radar der Rechten zu erscheinen, wenn man beispielsweise Kleidung mit politischen Botschaften trage. „Ich kenne schon Eltern, die ihren Kindern davon abraten, solche Kleidung zu tragen“, so der Familienvater. „Aber eigentlich sollte man es seinen Kindern doch nicht verbieten, ihre Meinung kundzutun“, nennt er einen Zwiespalt, in dem sich offenbar einige Eltern befinden.

Um sich nicht unnötiger Gefahr auszusetzen, meiden links orientierte Jugendliche bereits bestimmte Orte und Veranstaltungen. Vor seiner Schließung galt der Speicher als problematischer Ort. „Das Amula-Festival hatte auch den Ruf, eine teilweise schwierige Klientel anzuziehen“, gibt der Salzwedeler Auskunft. Von Polizei und Justiz erwarte er, dass sie härter gegen die Täter vorgehen. „Die entsprechenden Personen müssten eigentlich bekannt sein. Viele Eltern hoffen, dass endlich was passiert“.