Neue Putzpatenschaft vergeben Stolpersteine für drei starke Frauen in Stendal verlegt
In der Bruchstraße in Stendal wurden drei neue Stolpersteine verlegt. Eine Familie aus der Hansestadt übernimmt erstmals die Putzpatenschaft für die Gedenktafeln.

Stendal - Die Mitglieder der Geschichtswerkstatt Stendal haben in den Projektwochen „Denken ohne Geländer“ drei weitere Stolpersteine in der Hansestadt verlegt. Am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, erinnerten sie in der Bruchstraße 8 an drei starke jüdische Frauen in Stendal und ihre Schicksale.
Esther Streifler wurde am 18. September 1859 in der ostgalizischen Stadt Kolomea, damals Polen, heute Westukraine, geboren. Ihre Tochter Marie wurde 1891, ihre zweite Tochter Frieda 1893 geboren. Wann Esther Streifler, die verwitwet war, und ihre Töchter nach Stendal kamen, ist nicht bekannt. Die Familie wohnte mindestens von 1930 bis 1933 in der Straße Hoock 14. Esther Streifler zog im Alter von 74 Jahren mit ihren Töchtern in die Bruchstraße, Marie Streifler war Eigentümerin des Hauses.
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Sie arbeitete zeitweise als Büroangestellte und betrieb als Kauffrau seit 1924 und im Alter von 33 Jahren ein Schuh-Geschäft im Schadewachten. „Was in der damaligen Zeit für eine ledige junge Frau sehr ungewöhnlich war“, sagt Dorothea Knauerhase von der Geschichtswerkstatt. Ihr Geschäft nannte sie Schuhbasar. „Es war laut Aussage einer Zeitzeugin sehr beliebt, weil es bei Marie Streifler Schuhe nach der neuesten Mode gab.“
Marie Streifler, obwohl 1935 als polnische Jüdin ausgebürgert, konnte ihr Geschäft vermutlich noch bis 1937 führen. Esther Streifler unterstützte ihre Tochter im Geschäft. Ihre jüngere Tochter Frieda Streifler, die als Büroangestellte arbeitete, heiratete 1937 und zog zu ihrem Mann Moritz Kaufmann in die Nähe von Bad Kreuznach.
Mutter kämpft um Wohnung in Stendal
„Belegt ist, dass Frieda Kaufmann immer wieder nach Stendal reiste, um sich um ihre betagte und nun alleinlebende Mutter zu kümmern.“ Neben Moritz Kaufmann und seiner Frau Frieda wohnten seine Eltern und vier weitere Brüder mit ihren Familien in Wöllenstein. Überlebt hat nur ein Kind einer Familie, weil ihm die Flucht nach Amerika gelang.
Das Wohnhaus von Marie Streifler wurde 1938 als Zwangsraum zum sogenannten Judenhaus bestimmt. In diesem Haus wurden fortan vornehmlich jüdische Mieter und Untermieter zwangsweise und beengt untergebracht. Eine Verordnung aus dem Dezember 1938 kündigt an, dass Juden in „Judenhäusern“ abgesondert werden sollen. Den Bewohnern wurde das Halten von Haustieren und das Abonnieren von Zeitungen verboten. Die Gestapo konnte sich zu jeder Zeit Zutritt verschaffen. „Ihre gefürchteten Rollkommandos wurden außerhalb jeglicher Rechtsgrundlage zur Einschüchterung und Kontrolle der Menschen eingesetzt.“
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Beim Verlassen der Häuser wurde ab September 1941 das Tragen des Judensterns durch die Gestapo kontrolliert. Bald darauf mussten die Häuser mit einem weißen Stern gekennzeichnet werden. Esther Streifler kämpfte um den Erhalt ihres Wohnraums und darum, so lange wie möglich dortzubleiben. Sie schrieb mehrere Briefe an den Oberbürgermeister. Mit 83 Jahren musste sie im Oktober 1942 ihre Wohnung verlassen und in ein weiteres „Judenhaus“ in die Brüderstraße 29 ziehen. Von dort wurde sie zwei Wochen später deportiert. Am 21. Mai 1943 wurde sie in Theresienstadt ermordet.
Marie Streifler reiste zur Unterstützung der betagten Mutter mehrmals nach Stendal, vermutlich auch unter einer anderen Identität. Marie Streifler wurde am 16. November 1942 nach Theresienstadt deportiert. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt. „Wahrscheinlich kam auch sie in der Shoah um“, sagt Dorothea Knauerhase.
Familie aus Stendal putzt die neuen Stolpersteine
Am 30. September 1942 wurde Frieda Kaufmann mit ihrem Mann und weiteren Mitgliedern der Familie Kaufmann von Darmstadt Richtung Osten deportiert, vermutlich nach Treblinka. „Danach verliert sich auch die Spur von Frieda Kaufmann.“
Um auch nach dem Verlegen der Stolpersteine an die Schicksale der Juden und Jüdinnen in Stendal zu erinnern, wurden Putzpatenschaften ins Leben gerufen. Die Stendaler Familie Klug-Marks übernimmt die erste Patenschaft in der Hansestadt für die drei neu verlegten Stolpersteine. „Das ist für uns selbstverständlich“, sagt Stefanie Klug-Marks. „Es ist wichtig, daran zu erinnern, was in der Vergangenheit passiert ist“, ergänzt ihr Mann Matthias Klug.
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Ähnlich sieht es Tochter Tessa. Die Zehntklässlerin hat in der Schule für ein Exposé über das Thema „Formen des Holocaustgedenkens in Stendal“ recherchiert. So kam sie mit dem Thema in Berührung. „Stolpersteine hatte ich vorher schon gesehen, doch so richtig wusste ich nicht, was sie sind. Ich war bei meiner Recherche überrascht, wie viel jüdische Geschichte es in Stendal gibt“, sagt sie bei der Verlegung.
Zur Putzpatenschaft gehört, dass die Steine mindestens zweimal im Jahr gesäubert werden. Im besten Fall an Gedenktagen wie dem 27. Januar, 8. Mai oder dem 9. November. Wenn Schäden und Verschmutzungen an ihnen gefunden werden, muss die Geschichtswerkstatt informiert werden.