Volksstimme: Sie sind vor zehn Jahren ins Wernigeröder Rathaus eingezogen. Können Sie sich noch an Ihren ersten Tag erinnern?
Peter Gaffert:
So einen Tag vergisst man nicht. Es war der 1. August. Ich hatte am Morgen die Sirene nicht gehört. Es brannte irgendwo. So etwas muss ein Oberbürgermeister wissen, hieß es dann bei der Belegschaftsversammlung. In meinem Büro erwartete mich ein aufgeräumter Schreibtisch. Mein Vorgänger Ludwig Hoffmann hatte mir nur einen Zettel hinterlassen, auf dem die Ämter, die er nebenbei noch als Stadtoberhaupt inne hatte, notiert waren. Insgesamt 14 an der Zahl. Die kamen also auch noch auf mich zu – und darüber hatten wir vorher nie gesprochen.

Als Oberbürgermeister waren Sie ein Newcomer. Wie hatten Sie sich auf Ihre neue Aufgabe vorbereitet?
Ich hatte null Erfahrung, was kommunale Verwaltung angeht. Meine Vorbereitung beschränkte sich auf das Lesen der früheren Verwaltungsberichte und Gespräche mit Ludwig Hoffmann. Als Quereinsteiger habe ich erst mal viel zugehört und versucht, mir ein Bild zu machen. Ich bin sehr dankbar, dass ich mit Andreas Heinrich, Martina Kallenbach und Andreas Meling ein gutes Team hatte, das mir geholfen hat, Fettnäpfchen aus dem Weg zu gehen. Auch Ludwig Hoffmann war und ist mir bis heute ein guter Berater.

Wie haben Sie die vergangenen zehn Jahre erlebt?
Ich bin mit der Finanz - und Wirtschaftskrise gestartet. Diese stürzte Wernigerode in eine Situation, die vorher nahezu unbekannt war. Plötzlich war das Geld knapp. Damit mussten wir umgehen. Gott sei dank hat sich Wernigerode wieder gefangen, hat in den letzten Jahren eine sehr gute wirtschaftliche und touristische Entwicklung hingelegt, was Verdienst der Bürger, der Wirtschaft, der Verwaltung und Teilen des Stadtrats ist. Ohne eine feste finanzielle Grundlage kann man eine Stadt nicht gestalten. Glücklicherweise hatten wir immer Spielräume. Wir haben viele Investitionen angeschoben, zum Beispiel die Sanierung der Stadtfeld-Grundschule, die Kita „Musikus“, den Turbo- und den Burgbreite-Kreisel sowie das Gewerbegebiet Smatvelde.

Ein weiteres wichtiges Ereignis war die Gebietsreform mit der Eingemeindung von Schierke im Jahr 2009 und Reddeber 2010. Das waren zwei völlig unterschiedliche Eingemeindungen. Schierke war nahezu schuldenfrei, aber dafür total vergammelt – Rathaus, Turnhalle, Schule, Brücken, Straßen, Kita - alles kaputt. Reddeber kam dagegen mit etwa zwei Millionen Euro Schulden, dafür war der Ort tipptopp in Ordnung. Schierke ist der Beweis dafür, dass es hinterher sehr viel teurer werden kann, wenn man nicht investiert.

Plötzlich waren da also Themen wie Wirtschaftskrise und Eingemeindung, mit denen wir uns auseinander setzen mussten. Das hat unsere Planungen komplett über den Haufen geworfen.

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Wie hat sich Wernigerode in den letzten zehn Jahren aus Ihrer Sicht entwickelt?
Die Kennziffern sprechen für sich. Unsere Arbeitslosigkeit liegt mit drei Prozent rund 50 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt. Vor zehn Jahren waren es noch 15 Prozent. Das ist eine tolle Entwicklung. Auch die Pro-Kopf-Verschuldung der Wernigeröder ist in den letzten zehn Jahren gesunken und zählt mit ca. 400 Euro pro Einwohner zu den niedrigsten in Sachsen-Anhalt - trotz hoher Investitionen. Die Bevölkungszahlen sind nahezu stabil. Das ist schon enorm.

Stadtentwicklung bringt nicht immer gleich den schnellen Erfolg. Dank meiner Vorbildung als Förster denke ich langfristig. Ein Baum braucht Zeit zum Wachsen. Das ist mit Stadtentwicklung genauso. Das Gewerbegebiet Smatvelde wird sich erst in einigen Jahren rechnen. Oder: Wir bauen ein Parkhaus, und es schreibt eben nicht sofort schwarze Zahlen. Für das nächste Jahr werden aber schwarze Zahlen prognostiziert. Die Feuerstein-Arena zählt schon jetzt, ein halbes Jahr nach ihrer Fertigstellung, zu den beliebtesten Einrichtungen im Harz, wenn nicht sogar in Sachsen-Anhalt. Die Übernachtungszahlen in Wernigerode mit Schierke haben sich in den letzten Jahren fast verdoppelt, allein in Schierke sind sie im ersten Halbjahr 2018 um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. So viel können wir nicht falsch gemacht haben.

Man darf eine Stadt aber nicht nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sehen. Wir haben viele Angebote im kulturellen, sozialen, sportlichen Bereich, die Lebensqualität in Wernigerode ist hoch. Aber die Leistungskraft muss da sein, um sich als Stadt so etwas leisten zu können.

Was war Ihr schönstes Erlebnis in den letzten zehn Jahren?
Das ist echt schwer. Der Sachsen-Anhalt-Tag 2014 war sensationell, etwas Außergewöhnliches. Auch meine Wiederwahl im Jahr 2015 war toll. Nennen möchte ich auch die Eröffnung der Schierker Feuerstein-Arena im Dezember 2017. Das war ein schöner Moment, auch weil ich für dieses Projekt die meisten Prügel einstecken musste. Und die Städtepartnerschaft mit Hoi An.

Sicherlich gab es auch unschöne Momente ...
Ja, die spontane Ablehnung eines ausgeglichenen Haushalts durch den Stadtrat im Jahr 2013 war völlig unnötig. Nicht unerwähnt lassen will ich den Wirbel um die Briefaffäre und meinen Wehrdienst beim Wachregiment. Es hat wehgetan, wie sich manch einer mir gegenüber verhalten hat. Andererseits habe ich – aber auch die Verwaltung – sehr viel Zuspruch erfahren. Einen bleibenden, schmerzhaften Eindruck hat das Hochwasser vom Juli 2017 hinterlassen und ganz aktuell die Ablehnung der Kulturkirche.

Sie sind noch knapp vier Jahre im Amt, was haben Sie sich für diese Zeit vorgenommen?
Drei Jahre und elf Monate genau. Ich habe mir mit meinem Team viel vorgenommen. Ganz oben steht die Friedrichstraße. Es kann doch nicht sein, dass es mehr als 15 Jahre dauert, bis eine innerörtliche Straße, die auch noch dem Land gehört, fertig ist. Eine solch wichtige Verkehrsachse. Das verstehen die Bürger nicht. Weitere Punkte sind beispielsweise die Entwicklung des Ochsenteichgeländes, Schaffung von Wohnraum, die neue Kita in Reddeber zusammen mit den Stadtwerken, die Sanierung der Francke-Grundschule, die Fortsetzung der Sanierung am Schloss und auch die Kulturkirche, die ich als wichtigen Baustein zur Aufwertung der Burgstraße und für die Zukunft unsres Orchesters sehe. Hier bin ich erstaunt, dass manch ein Stadtrat enorm viel Energie aufwendet, dieses tolle Projekt zu verhindern.

Und natürlich wünsche ich mir, dass wir den Winterberg in Schierke realisieren. Das Ganzjahres-Erlebnisgebiet ist der Schlussstein der Schierke-Entwicklung. Ich hoffe endlich auf eine Entscheidung vom Land. Keine Entscheidung zu bekommen, ist das Schlimmste. Da fehlt es am Durchsetzungswillen bei den Entscheidungsträgern. Das ist sehr bedauerlich.

Eine große Aufgabe ist zudem der anstehende Generationswechsel im Rathaus. 2019 verlieren wir mit Frank Hulzer, Jörg Völkel, Volker Friedrich und Hans-Dieter Nadler nicht nur tragende Säulen der Verwaltung, sondern auch einen enormen Erfahrungsschatz. Es wird eine große Herausforderung für uns als Stadt, neue gute Leute zu finden. Das gelingt nur, wenn wir einen Arbeitsplatz bei der Stadterwaltung auch als guten Arbeitsplatz deklarieren.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
In Hinblick auf Kommunalwahlen 2019 wünsche ich mir einen vernünftigen zukunftsorientierten Stadtrat ohne Populisten. Ich habe bereits in den letzten Jahren eine Tendenz zum Nein sagen wahrgenommen, insbesondere bei Zukunftsthemen. Vielen fehlt der Mut, auch mal etwas zu riskieren. Und ich wünsche mir weiterhin eine solch aktive Bürgerschaft wie in den vergangenen Jahren.

In drei Jahren und elf Monaten sind Sie 62. Wo sehen Sie sich dann?
Es gibt mehrere Optionen. Erstens: Ich halte gesundheitlich nicht durch als Oberbürgermeister – das will ich aber ausschließen. Zweitens: Ich stelle mich zur Wahl und verliere. Das ist nicht unvorstellbar. Drittens: Ich gewinne die Wahl. Und viertens: Ich trete nicht wieder zur Wahl an. Dann hätte ich wahrscheinlich Urlaub. Was es am Ende sein wird, kann ich jetzt noch nicht sagen. Dafür ist es noch zu früh.